Zukunftsforschung – von Utopie, Beschleunigung und Trend
Veröffentlicht: 17/01/2012 Einsortiert unter: Allgemein | Tags: ernst bloch, funkenflug, liebeskummer, zukunftsforschung Schreibe einen Kommentar »Zwischenzeiten
Lange Tage voller Leere.
Wanderungen auf dem schmalen Grat zwischen nicht mehr und noch nicht,
auf dem alles liegt, dem Absturz so nah wie dem Aufstieg,
schwerelos im Vakuum des Stillstands vor der Wende.
Gespanntes Schweigen zwischen den Möglichkeiten,
die zum greifen nah so weit entfernt sind.
Zeiten tiefster Resignation und maßloser Hoffnung –
unbändige Kraft aus Verzweiflung, die man nicht spürt.
Lachend spielt das Leben sich anderswo ab.
Doch wo alles vorbei ist, kann alles rückhaltlos neu beginnen.
(Quelle: Internetfund)
Verliebt ins Gelingen
Ein Gedicht über den Liebeskummer. So die erste Assoziation. Liebeskummer ist ein Zustand, der oft als Stillstand und als auswegslos wahrgenommen wird. Sagt man nicht heute auch „alternativenlos“? Oft geprägt vom Paradox, festzuhalten an einem nostalgischen Gefühl, das sich als obsolet erwiesen hat und gleichzeitig nichts sehnlicher zu wünschen, als dessen Überwindung. Dazu bedient man sich nicht selten der Mittel zu überdecken, zu ersetzen, etwas Neues zu finden, in der Hoffnung, die Ablenkung erleichtere das Ertragen-Müssen und die Zeit beschleunige dadurch so sehr, dass der Liebeskummer schneller vorbei ginge.
Ein Zustand, zwischen „nicht mehr“ und „noch nicht“ also, wie Ernst Bloch die Gegenwart beschreibt. Und er meint, wir kämen nicht umhin, zu reflektieren, was in unserem Leben an Würde und Glück und gelingendem Zusammenleben noch nicht erreicht sei, oder was wir möglicherweise schon verloren haben, denn nur dann wäre unser Streben konstruktiv nach vorne gerichtet zu unserer „Verliebtheit“ ins Gelingen hin. Aber wer reflektiert schon gerne Liebeskummer?
Jedenfalls kommt man nicht weit, wenn man den Ausweg aus dem Kummer auf Platitüden reduziert. „Die Zeit heilt alle Wunden.“ (Religion) oder „Andere Mütter haben auch schöne Söhne“ (Konsum) oder „Alles wird gut.“ (Mathias Horx). Was braucht man also, um die Stagnation zu überwinden, Kraft zu schöpfen, Ideen aus der eigenen Misere zu finden? Hoffnung. Kreativität. Konkrete Pläne. Man braucht eine Utopie als Bindeglied zwischen „Zeitkritik und Wende“, wie Bloch es ausdrückt und von einem „Vakuum“ spricht, in dem wir lebten. Einem Vakuum lähmender Langeweile, in dem wir doch nach den fliegenden Funken greifen müssten. Hoffnung ist dabei kein Zustand, sondern eine Geisteshaltung. Denn auch Glück bekommt man nicht geschenkt, man muss es leben! Erst wer verinnerlicht, dass das Erhoffte nur „noch nicht“ ist, kann sich wirklich damit beschäftigen. Und beweist nicht, dass eine Liebe zu Ende ist, auch dass sie überhaupt existiert und eine mögliche Zukunft hat?
Utopie als Hoffnung
Utopie bietet einen Ausweg aus der Resignation des Gedankens, etwas sei alternativenlos, denn nichts ist alternativenlos. Zukunftsforschung erfasst den Funkenflug. Sie orientiert sich nicht an der linearen Abfolge von was war, was ist, was wird sein, sondern zieht die Funken in Betracht, die unsere Wege kreuzen. Sie spielt mit ihnen, betrachtet sie, bewertet sie, lässt sie gehen oder fängt sie mit dem Schmetterlingsnetz der Kontingenz, das große Lücken für kleine Funken lässt.
Erst wer die Funken fliegen sieht, erkennt auch die Dunkelheit, die uns umgibt. So entstand vielleicht die erste aller Utopien, der soviele weitere folgen sollten, die sich damit auseinandersetzen, in welcher Gesellschaft wir leben oder eben nicht leben wollen. Und die ihren Fokus auf eine der möglichen Zukünfte legten, deren Grundstein in der Gegenwart zu finden war – auch wenn den Protagonisten nicht klar war, dass aus diesem Grundstein etwas völlig anderes entstehen könnte, als das, was wir annehmen, basierend auf unserer Erfahrungen, der Historie, der Vergangenheit, der Empirie und des Zufalls. Dabei bietet gerade die phantasievolle Auseinandersetzung oft Lösungen für unsere Probleme, die vielleicht viel angenehmer wären, als der scheinbar alternativenlose Weg, der heutzutage zu oft auf Zahlen, Statistiken und der Fortschreibung von Trends basiert. Wie jammerschade, dass das Wort „utopisch“ fast nur noch abwertend gebräuchlich ist, wo es doch Prototypen hervorbringen könnte, mit denen wir eine schöne Zukunft vom Labor aus realistisch planen könnten.
Und dann stärkt eine Utopie auch das Gemeinschaftsgefühl, derer, die sie teilen. Sie deckt Missstände auf, die viele betreffen und bildet eine Brücke von dort aus über die Unabwägbarkeiten, denen wir uns vielleicht nicht gewachsen sehen. Eine Kluft in unserem Sicherheitsbedürfnis, die wir menschlich handelnd allzu oft mit abgrenzenden Regeln, religiösem Dogmatismus und einschränkender Moral zu überwinden versuchen, statt uns auf Toleranz, Güte und Gelassenheit zu konzentrieren.
Der Weg in eine bessere (?) Welt
Das Gemeinschaftsgefühl und die angestrebte Gleicheit sind oft zentrales Motiv in Utopien. Utopien beschreiben dabei nicht die Vollkommenheit, sie sind nicht der Himmel auf Erden, sondern suchen einen Weg zu einem bedeutend besseren Gemeinwohl und regen vorallem dazu an, sich mit dessen Realisierung zu beschäftigen.
Gab die Entdeckung realer fremder Welten durch die Kolonialisierung zu Anfang den Anstoß, sich über neue, mögliche Gesellschaftsformen Gedanken zu machen, waren es im 19 und 20 Jahrhundert eher die unbekannten Welten, die noch nicht erforscht werden konnten, wie die Tiefen des Ozeans oder die Weiten des Weltalls, die Impulse lieferten und später in den Erzählungen der Science Fiction mündeten. Handelten die Utopien zunächst vom Umbruch der Gesellschaft im Bezug auf Herrschaft und Besitztum, drehte sich der Fokus nach dem 1. WK eher hin zu Fortschrittsbändigung und übermächtigen Autoritäten und mit dem 2. WK wurde eine totale Dystopie zur düsteren Realität, die ihre ideale Gesellschaft mit Gewalt durchzusetzen versuchte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließlich war die Furcht groß vor einem erneuten Zusammenbruch durch kriegerische Absichten, vor dem Überwachungsstaat und schließlich vor entfesselten Technologien, wie genetischer Selektion oder Atomkraft. Mit dem Bewusstsein schließlich, dass unsere Ressourcen endlich sind, beschäftigen sich Dystopien auch mit dem Untergang der Menschheit, mit letzten Individuen als Überbleibsel der Gesellschaft auf einem toten Planeten.
Der Gedanke, der bessseren Gesellschaft, der mit Thomas Morus’ Inselstaat Utopia begann, in dem die Güter gerecht verteilt wurden, die Moral hoch hing, aber das persönliche Glück, der Müßiggang und die Lust am Leben nicht vernachlässigt wurden, zog sich weiter durch die nun folgenden Utopien. Auch in Campanellas Sonnenstaat spielt die persönliche Entwicklung und das lebenslange Lernen eine zentrale Rolle, die zur Zufriedenheit des Einzelnen und damit der Gesellschaft beitragen soll. Sein Verständnis von Selbstsucht geht allerdings so weit, dass auch die Fortpflanzung im Sinne der Allgemeinheit geschieht und die Freiheit dem „Prinzip der Ordnung“ geopfert wird. Von hier aus ist es gefühlt nur ein kleiner Schritt zu Aldus Huxleys schöner neuer Welt, in der sich die Menschen wie vorprogrammierte Insekten dem Glücksgefühl auf chemische und technische Weise nähern und George Orwells 1984, dem Jahr, in dem der große Bruder in einem totalitären Staat die Produktivität der zur Maschinen gewordenen Individuuen kontrolliert. Dazwischen kümmert sich zum Beispiel Fourier um ein gleichheitlich-sozialistisches Modell. Mit der Trennung von Arbeits- und Freizeitwelt, einer durchgeplanten Stadtanlage und der erlaubten Auslebung der Triebe, macht er seine Utopie zum „kapitalistisch angehauchten Warentempel in einer sozialistischen Musterkommune“ (urbanista). Die sozialen Ungleichheiten im ausgehenden 19. Jahrhundert verlangen nach einer neuen Utopie, die Marx und Engels im Sozialismus entdecken. Aber es sollte anders kommen und Stalinismus und Nationalsozialismus machen aus Gleichheit Gleichförmigkeit, die Utopien nach den Weltkriegen beschäftigen sich folgerichtig mit dem dritten, dem kalten Weltkrieg, bis in den 70ern die Freiheits- und Friedensbewegungen in den USA Raum schaffen für Callenbachs ökologische Utopie „Ökotopia“, in der die Gleichberechtigung der Geschlechter und der Umgang mit der Natur die sexuelle Befreiung mit der Abkehr vom Kapitalismus hin zur Nachhaltigkeit kombiniert. Doch sein Ruf verhallt.
Mit seinem neuen Atlantis hatte Francis Bacon im 17. Jahrhundert die Büchse der Pandora, die Forschung, geöffnet und den Weg geebnet für das Prinzip, den Wohlstand durch neue Erfindungen zu befördern und sich dabei die Natur durch Technik zu Nutze zu machen. Das Gemeinwohl aller schließt die Erde nicht mit ein und der Sprung ins 21. Jahrhundert wird trotz des Berichts des Club of Romes über die Grenzen des Wachstum zum Point of no Return.
Wir haben noch viel vor!
Die Aufklärung, die industrielle Revolution und der technische Fortschritt im 20 Jahrhundert hatten zwischenzeitlich dafür gesorgt, dass die Menschen dem Schicksal von Gott und Natur weniger ergeben gegenüber stehen mussten. Sie hatten sich sogar der Liebe geöffnet, heirateten nicht mehr nur aus Vernunft, konnten es sich leisten, sich ihre Partner selbst auszusuchen und kontrollierten letzendlich sogar ihre eigene Fortpflanzung. Dafür waren sie jetzt von der Uhr abhängig und dem heilsbringenden System von Kapital und Konsum verfallen. Die zunehmende Gottlosigkeit trug ihr Übriges dazu bei, dass das Ideal vom guten Leben im Hier und Jetzt und zwar möglichst schnell realisiert werden muss. Wir haben schließlich noch was anderes vor! Unsere Möglichkeiten voll ausschöpfen nämlich und was gibt es denn eigentlich noch, was keine Möglichkeit mehr ist?
Auf der Rolltreppe nach unten wird Zeit zum immer knapperen Gut, die protestantische Arbeitsethik verlagert sich auf die Freizeit, die Welt rückt zusammen, wird dabei komplexer und gleichzeitiger, das Wissen vermehrt sich rasant. Noch halten wir mit, treffen schnelle Entscheidungen im diffusen Nebel aufgelöster politischer Systeme und zerfallender Institutionen, ohne die Konsequenzen abschätzen zu können, überstrapazieren unsere Körper und unseren Geist solange es eben geht und glauben dabei einfach ganz stark an uns selbst und daran, dass die Wissenschaft das drängendste Problem, die Rettung unseres Planeten schon irgendwie hinkriegen wird.
Überhaupt wird das wichtige Ich zum kleinsten gemeinsamen Nenner einer Menschheit ohne sonstigen roten Faden. In einer Welt, in der das Ich alles zu jeder Zeit bekommen kann, wenn es nur über die nötigen finanziellen Mittel verfügt, kämpft jeder um die Krümel, die besonders sind. Der Lebkucheneffekt bestimmt unser Leben: die Erregbarkeit nimmt ab, unsere Interessen werden extremer, unsere Erinnerung droht ihren Kontext an das Jetzt zu verlieren, die Gegenwart schrumpft zwischen Vergangenheit und Zukunft zusammen. Unser Leben ist keine narrative Geschichte mehr, sondern eine Abfolge von Neuigkeitenschnipseln, eine Chronologie von Störungen, auf die wir reagieren müssen und auf die wir selbst nur noch wenig Einfluss haben, auch wenn wir lange dachten, es sei genau umgekehrt. Es ist gut, diese Chronologie immerhin bei Facebook und google gespeichert zu wissen. So können wir uns defakto gar nicht auflösen oder verlieren, sind wir doch Teil einer kollektiven, gespeicherten Banalität, Teil eines Mediensystems, das sich selbst referenziert und Teil des großen und ganzen, des Internets, dem aus Bits und Bytes bestehenden Zeugnis unserer Zivilisation.
Schneller, höher, weiter, Sex
Welches neben tiefgreifenden Veränderungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation auch zum Beispiel die Erfindung des Cyber Sex mit sich bringt – einer in den 90er Jahren von Medien und Trendforschern gehypten Möglichkeit, von nun an auch digital und ohne echte Berührung lieben zu können. Cyber Sex hat sich entgegen der Prognosen nie wirklich durchgesetzt, wohl aber Elite Partner, youporn und viele weitere Plattformen, die mit Sex und Liebe in online-Zeiten ihr Geld verdienen wollen. Und es stimmt: Nicht nur Auktionen, Bücherbestellungen, Musikbibliotheken, Enzyklopädien, nein, auch die Partnerfindung wurde durch das Internet revolutioniert. Wie bei anderen gehandelten Gütern auch, können wir nun mehr potenzielle Partner per minute entdecken, anschreiben, ausprobieren. Und das zu jeder Tages und Nachtzeit, 24h am Tag, 7 Tage die Woche. Wird die Liebe dadurch beliebiger? Verkommt der Kontakt zum immateriellen Online-Gut, das sich nur noch dadurch auszeichnet, einen Partner mit größtmöglicher, sexueller Kompabilität zu finden? Werden unsere Liebesbegegnungen flüchtiger und belangloser? Diese und andere Fragen stellte sich vielleicht auch der Beate Uhse Konzern im Jahr 2007, als es darum ging, mehr über Sex und Liebe der Zukunft herauszufinden, um die Absatzzahlen der eigenen Produkte zu steigern.
Doch konnte auch Mathias Horx, der Wahrsager der Moderne, der das Konzept einer gewissen Faith Popcorn kopierte, in seiner Zukunftsstudie „Sex-Style-Guide 2010“ nur zufriedenstellend ergründen, was ohnehin schon offensichtlich war, denn Trends werden nur wahrgenommen, wenn sie kommuniziert werden und dann sind sie längst keine Zukunft mehr. Er hat den kurzlebigen, hektischen Lebenswandel auf unseren Liebenswandel übertragen und ein paar Megatrends mit hineingemischt. Er hat von der alternden Gesellschaft auf verlängerte Lebensphasen geschlossen, in denen sich Timeless-Twens mehr Zeit mit dem Heiraten lassen und Silver-Surfer auch mit 70 noch Vital-Viagra-Sex praktizieren. Er hat die multimedial versierte Generation Porno als schlicht überinformiert bezeichnet und aus narzisstischen Scheidungskindern Cool Cats gemacht, damit sich das besser anfühlt und so klingt, als wären sie selbstbestimmt und nicht nur Getriebene ihrer neuen weiblichen Möglichkeiten. Sogar die Pleasure-Parents, Paare auf dem reaktionären Trip zurück zu Ehe und lebenslanger Partnerschaft, hat er nicht ausgelassen und für seinesgleichen noch die Kategorie chauvinistischer Gourmet-Liebhaber erschaffen. Nur eine Kategorie ist ihm entgangen, wahrscheinlich weil seine Scanning-Methode das Weak Signal nicht auf seinem universellen Radar aufblinken ließ und er den Blick nicht tiefer in die Subkulturen richtete, die sich in der Nachbarschaft dessen, was er als „Perversion“ bezeichnet etablieren: die Polyamorie. Die echte Liebe zu vielen. Eine als hippie-romantisch getarnte Beziehungsgestörtheit derer, die in der Zweiten Moderne erwachsen wurden. Der vermeintlichen Blumenkinder, deren Gestörtheit auch im Möglichkeitsüberschuss begründet liegt. Die ihre Bindungsunfähigkeit, ihre Verpassensangst und ihre Verlustängste durch Mehrfachbindungen zu kompensieren versuchen und jetzt auch parallel lieben. Junge Menschen, die damit groß geworden sind, Dinge wegzuwerfen, wenn sie kaputt gehen, statt sie zu reparieren, Filme aufzuzeichnen, weil man nicht zwei gleichzeitig ansehen kann und denen man den Fatalismus mit dem Wort „Treibhauseffekt“ implantierte. Die als Kinder der 80er im Wohlstand gebadet wurden, in einer Welt ohne Bedrohung von außen und irgendwann feststellen mussten, dass die Versprechen ihrer Eltern, ein Schulabschluss öffne Tür und Tor, ihr Lebensstandard sei gesetzt und die Welt sei frei und habe nur auf sie gewartet, nicht gehalten werden können, weil kaum etwas mehr Wert besitzt, als das Papier, auf dem es gedruckt ist. Weder Geldscheine, noch Nachrichten, noch Friedensabkommen, noch Eheversprechen. Alles gleitet aus ihren Händen, verliert sich in der Zentrifugalkraft, die als „freier Wille“ verheißen wurde und in Wirklichkeit nicht viel mehr zu bieten hat, als den Zweifel: „Soll’s denn das schon gewesen sein?“ Zu viele Türen und Tore haben sich geöffnet, als dass man sich noch entscheiden könnte, hinter welcher sich jeweils das Beste verbirgt, was das Leben zu bieten hat. Sie scheitern am Anspruch des großartigen, autonomen, unvergänglichen Lebens und klammern sich an den einzigen der alten Werte, der noch halbwegs wahrhaftig zu sein scheint: die Liebe. In ihrer Unfähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren wird die Sehnsucht nach diesem Halt potenziert. Ein Partner reicht nicht mehr. Innerlich verrationalisiert greift die Kosten-Nutzen-Kalkulation: „Wenn der Geliebte mir ohnehin abhanden kommen wird, kann ich mir auch gleich einen zweiten, einen dritten nehmen. Den Körper kann ich als aufgeklärter, liberaler Mensch mit anderen teilen, wir sind schließlich Säugetiere in einer Wissensgesellschaft. Sex ist Technik, gepaart mit Trieb, nichts weiter. Nur verlassen werden, das möchte ich nicht. Wenn nichts mehr sicher ist, nicht Job, nicht Geld, nicht Wert, nicht Wohnort, nicht Welt, was gibt es sichereres, als die Liebe zu mehreren Menschen? Wie kann ich mich besser gegen den Verlust absichern, als den Schaden zu minimieren, der entstehen könnte, in dem ich das Gefühl von vorn herein verteile? Auf viele.“
Das Konzept der Polyamorie kombiniert die Erfindung der romantischen Liebe mit dem Drang des Individuums nach Freiheit und der Aufgeklärtheit der Evolutionstheorie und wird im Strudel der Beschleunigung zur Illusion wider der Einsamkeit. Was bleibt, ist Liebeskummer. Was aber fehlt, ist Hoffnung. Was fehlt, ist eine wahre Utopie.