Drei Gründe gegen verschleierten Feminismus
Veröffentlicht: 01/05/2010 Einsortiert unter: adsads | Tags: burka, burka-verbot, burkaverbot, freiheit, schleier 5 Kommentare »Gegen ein Burka-Verbot
Burkas nerven mich. Sie machen mich wütend. Ich hätte Mühe damit, eine Frau ernst zu nehmen, die eine Burka trägt. Konjunktiv, weil: Ich habe mich noch nie mit einer Burkaträgerin unterhalten. Die Motivation, sich zu verschleiern ist für mich nicht im Ansatz nachvollziehbar und die oft hervorgebrachte Mutmaßung, es handele sich dabei um einen “Schutz” kann ich rational in etwa so akzeptieren, wie ich es rational akzeptieren kann, dass es Menschen mit Waschzwang gibt. Emotional ist mir diese Einstellung aber fremd und so zuwider, wie mir jeder (Selbst-)Zwang zuwider ist.
Denn schließlich bin ich Nordeuropäerin.
Ich liebe Nordeuropa mit all seinen Möglichkeiten, die es mir bietet. Ich vertraue Europa, meinem Rechtsstaat und bin im Großen und Ganzen zufrieden mit ihm. Ich fühle mich hier sicher und wohl.
Demnach greift jeder, der hier mit mir lebt, und jede, die hier mit mir lebt, mich und mein Verständnis gegenüber dem Glück des Lebens an, wenn er oder sie die Freiheiten, die wir genießen dürf(t)en mit Füßen trampelt. Ich empfinde es als Zumutung, Menschen dabei zusehen zu müssen, wie sie sich selbst einschränken und die wunderbaren Chancen, die ihnen das Leben hier, in meinem Nordeuropa bietet nicht nutzen.
Religiosität kann auch einschränken
Darum stört mich jede Einschränkung, die einem Menschen aufgrund seiner Religiosität auferlegt wird. Darum stören mich zum Beispiel Burkas. Darum stört mich aber auch alles, was Menschen mit dem Satz: “Sowas macht man nicht!” erklären zu versuchen. Was man nicht machen darf, das ist das, was durch das Gesetz verboten ist. Alles andere: grundsätzlich erlaubt.
Und ein paar der Dinge, die verboten sind, die sollte trotzdem ab und zu jemand machen, eben weil eine Gesellschaft auch immer wieder ihre Grenzen überprüfen und Tabus brechen sollte. Eben weil nicht alles gut ist, was schon immer so war. Eben weil Homosexulität, Abtreibung und Ehebruch nicht mehr strafbar sind – Stammzellenforschung, Genmanipulation, Inzest* und Sterbehilfe erlaubt sein sollten.
Der größte Vorteil des Grundgesetzes gegenüber den 10 Geboten ist, dass es nicht in Stein gemeißelt ist.
Freiheit als Angebot
Der größte Schutz unserer Freiheit ist unser Fortschritt! Ein Staat, eine Gesellschaft und jedes ihrer Mitglieder haben die Aufgabe, den Fortschritt voranzutreiben, um die Lebensqualität ALLER zu steigern und NICHT, einen Teil der Mitbürger einzuschränken, nur weil wir uns provoziert fühlen. Unser Ziel sollte es sein, auszuloten, was man noch so alles erlauben könnte, ohne dass die Gesellschaft schaden davon nimmt und so dass sie davon profitiert. Unsere Aufgabe kann es nicht sein, Dinge zu verbieten, die niemandem schaden, außer unserer Empfindung.
Dass Burkas uns nerven gibt uns noch lange nicht das Recht, sie zu verbieten. Ein Verbot ist nicht nur kleinmütig, sondern offenbahrt, wie fragil unsere Freiheit offenbar wahrgenommen wird.
Freiheit ist ein Angebot, das sich an alle Bürger richtet. Und es ist auch eine Freiheit aller, sich zu entscheiden, dieses Angebot auszuschlagen. So sehr mich das persönlich auch schmerzt, ich muss es akzeptieren und nehme mir im Gegenzug das Recht heraus, davon auzugehen, dass es sich bei jeder dieser Absagen um eine erwachsene, vollmündige und bewusste Entscheidung handelt, die ich zu respektieren habe.
Die Absage an die Freiheit
Ein Mensch, der trotz dass er hier lebt, nicht die nötige Neugier auf das Leben mit seinen unendlichen Möglichkeiten aufbringen kann, eine Frau, die trotz Schule, Internet, Umgebung (Wissen ist Macht!) nicht den nötigen Mut aufbringen kann, ihren “Schleier” abzulegen, um sich für die Freiheit und gegen die Unterdrückung zu entscheiden, eine Frau, die das Risiko nicht eingehen möchte, weil ihr die Freiheit offensichtlich nicht wichtiger ist, als der Bruch mit ihrem alten Leben, oder deren Leidensdruck einfach noch nicht groß genug ist, der kann man auch durch ein Burkaverbot nicht helfen. Und mit Verlaub: von mir aus kann sie unter ihrem Schleier so (un)glücklich sein, wie sie will, das ist mir dann auch egal. Sie hat das Recht darauf, genau DAS zu wollen, DAS zu tun und DAS zu sein.
Schleier als Synonym
“Schleier” könnte für alles mögliche stehen, wofür sich bisher noch kein Politiker genötigt fühlte, einzusetzen. Das liegt daran, dass sich die Menschen in unserem Land von einem muslimisch-religiösen Symbol bedrohter fühlen, als z.B. von einem christlich-religiösen. Sonst gäbe es vielleicht auch ein Verbot langer Röcke in Kombination mit Zopf und unrasierten Beinen – einem Style, dem sich junge fanatische Christinnen zuweilen unterwerfen, die in ihren Familien garantiert nicht weniger Unfreiheit und Gehirnwäsche ertragen müssen, als junge Muslima. Wir können nicht jeden retten. Wir haben das Recht, Entscheidungen in Frage zu stellen, daran zu zweifeln, ob sie wirklich freiwillig getroffen wurden und entsprechende Angebote zu machen; mehr aber auch nicht.
Liberale Heuchelei
Ein Staat, der blinden Auges die Ausbeutung, Diskriminierung und Unterdrückung von Frauen toleriert, in dem er sich z.B. entscheidet, durch Lohnsteuer an Prostitution mitzuverdienen, der macht sich äußerst angreifbar, wenn er nun eine Diskussion um ausgerechnet Frauenrechte auf dem Rücken “mobiler Gefängnisse” austrägt. Das ist heuchlerisch, demütigend und fremdenfeindlich.
Mehr zu dieser Art des vermeintlichen Feminismus, der – mal wieder – ausgerechnet von vorgebend liberal-emanzipierten Frauen vorgetragen wird, gibt es in einem guten Artikel bei Antje Schrupp zu lesen.
Drei Gründe gegen verschleierten Feminismus:
- wer den Schleier nicht abnehmen will, die kann man auch nicht zu ihrer Freiheit zwingen. Ein Verbot kommt einem Eingeständnis gesellschaftlichen Versagens gleich.
- der Schleier ist ein Tabubruch und provoziert (zum Nachdenken hoffentlich) – und somit heiße ich ihn grundsätzlich gut, auch wenn ich ihn persönlich nicht leiden kann und ihn auch nicht gerne sehe.
- die Diskussion um das “Frauenrecht” dient lediglich konservativen, diskriminierenden, intoleranten und fremdenfeindlichen Menschen als “Verschleierung” ihrer wahren Motivation und ihrer Ängste.
Scheinbar ist “unsere” ausgestreckte Freiheitshand nicht vertrauenswürdig genug. Scheinbar mangelt es an Mut und Willen, sie zu ergreifen. Unser Angebot, ein freiheitliches, selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen und zu können muss besser und noch attraktiver werden. Das erreichen wir nicht durch ein Verbot der Burka.
_______________________________
* unter volljährigen, mündigen Personen
Mehr dazu:
Antje Schrupp zum Burka-Verbot
Die Mädchenmannschaft zum Burka-Verbot
dagegen aber ohne gute Argumente
warum uns burkas stören, praktisch formuliert